Sie

Weihnachten

Sie
© Alexandra Luff

 
Immer wenn es dunkel wird, sehe ich sie. Sie sitzt in ihrem alten grünen Ohrensessel und starrt vor sich hin. Ich weiß nicht, ob sie in den Fernseher schaut oder einfach nur gedankenverloren dasitzt. Sie sieht einsam aus. Alt und knochig wirkt sie. Ich habe noch nie Besuch bei ihr gesehen. Abend für Abend stehe ich am Fenster und blicke in das hell erleuchtete Wohnzimmer gegenüber. Untertags vergesse ich sie, arbeite, gehe meine Wege, aber abends muss ich sie sehen. Es ist nicht so, dass ich sie bespitzele, nein, es gibt ja nichts zu sehen, sie sitzt ja immer nur reglos in ihrem Sessel. Und doch zieht ihr Anblick mich magisch an. Ich muss nachsehen, ob sie noch da ist, und jedes Mal, wenn ich sie dort sehe, einsam und allein in ihrem Sessel, bin ich irgendwie beruhigt.

Ob sie den Schneefall letzte Nacht bemerkt hat? Sicher hat sie draußen Probleme beim Laufen. Es ist glatt und alte Leute rutschen leicht. Komisch, ich habe sie noch nie draußen gesehen, auch nicht im Sommer. Vielleicht hat sie jemanden, der für sie einkauft. Wie einsam sie aussieht.

Es ist so still. Ich gehe zu meiner Stereoanlage und drehe das Radio an. „Leise rieselt der Schnee …“, klingt es aus den Boxen. Als Kind haben wir das oft zusammen gesungen, meine Schwester Hanna, meine Mama, Oma und ich. Das ist lange her. Alles ist nun anders. Als ich meine Augen schließe, sehe ich wieder die Bilder vor mir. Wie sie Hanna und meine blutüberströmte Mutter aus dem Wrack ziehen. Und Oma, der wie durch ein Wunder nichts passiert ist. Es war auch Weihnachten. Zehn Jahre ist es her. Ich will nicht daran denken. Es macht mich so traurig.

Hier, vom Sofa aus, kann ich sie direkt sehen. Einsam und traurig sitzt sie in ihrem grünen Ohrensessel. Ich kann das nachvollziehen. Weihnachten ist immer am schwersten. Da wird einem bewusst, wie einsam man doch ist. Ich nehme mir ein Vanillekipferl. Irgendwie kriege ich sie nie so hin wie Oma damals. Sie hatte sie nur für mich gemacht, ihr selbst schmeckten sie gar nicht. Hanna mochte die Spitzbuben lieber. Ich weiß noch, wie ich im Alter von sieben Jahren am Weihnachtsabend aus Versehen gegen den Baum stieß. Dieser fiel um und sämtliche Weihnachtskugeln zerbarsten in tausend Stücke. Meine Mutter hat mich gehörig ausgeschimpft, aber Oma hat mich auf den Schoß genommen, meine Tränen abgewischt, mich umarmt und getröstet. Danach hat sie den Baum wieder aufgestellt und mit den Socken dekoriert, die wir von ihr bekommen hatten. Da musste sogar meine Mutter lachen. Wir haben ein lustiges Foto gemacht von diesem lustigen Sockenweihnachtsbaum und uns. Ich liebe dieses Bild. Es steht auf der kleinen Kommode in meinem Schlafzimmer. Ich erinnere mich gerne daran, aber gleichzeitig überkommt mich dabei jedes Mal ein wehmütiges Gefühl. Da war die Welt noch in Ordnung und Hanna und Mama noch nicht tot. Ich merke, wie meine Augen feucht werden. Nein, ich will nicht weinen.

Ich liebe diese Wohnung. Sie gibt mir ein bisschen Heimat. Wahrscheinlich liegt das auch an ihr. Sie strahlt Ruhe aus. Gerade an Weihnachten brauche ich sie. Meine Kollegen und Freunde feiern mit ihren Familien, nur ich bin allein. Nicht, dass ich etwas gegen diese Einsamkeit hätte, nein, das nicht. Ich habe sie mir ja selbst ausgesucht.

Draußen hat es wieder angefangen zu schneien. Große dicke Flocken tanzen sanft im schummrigen Licht der Straßenlaterne. Ein wunderschöner Anblick. Damals hatte es auch geschneit, bei der Beerdigung von Mama und Hanna. Es hatte geschneit, als ich Oma angeschrien hatte, dass ich sie nie mehr sehen wollte, dass sie aus meinem Leben verschwinden sollte, dass sie schuld war am Tod meiner Mutter und meiner Schwester, weil sie am Steuer gesessen hatte und sie unverletzt geblieben war. Ja, geschneit hatte es, als ich weggestürmt bin, als ich mir meine Einsamkeit wählte, damals vor zehn Jahren. Es tut immer noch weh. Ich habe damals die drei wichtigsten Menschen in meinem Leben verloren.

„Alle Jahre wieder …“, erklingt es aus dem Radio. Ja, alle Jahre wieder. Alle Jahre wieder sitze ich am Weihnachtsabend einsam auf meinem Sofa und beobachte sie, die wohl noch einsamer ist als ich. Ich frage mich, was sie denkt und ob sie sich auch so einsam fühlt.

Meine Oma hat mal gesagt, dass man sich immer streiten darf, aber an Weihnachten, da muss man sich wieder vertragen und sich vergeben. Sie hatte ja so recht, meine Oma. Aber es ist schwer. Schwer, über seinen eigenen Schatten zu springen und zuzugeben, dass man Fehler gemacht hat. Ich weiß, dass es irgendwann zu spät sein könnte. Ich habe meinen Weg selbst gewählt, jetzt muss ich damit leben. Muss ich das? Meine Mama hatte immer gesagt, dass ich meinen Starrsinn von meinem Opa geerbt hätte. Den habe ich allerdings nie kennengelernt, er starb noch vor meiner Geburt. Oma war da ganz anders, sie hatte mir immer alles sofort vergeben, sie war nie nachtragend. Ich bin so dumm! Oma würde mir doch vergeben, sie würde mich umarmen und alles wäre gut.

Wieder fällt mein Blick auf sie. Still und verlassen sitzt sie da, in ihrem grünen Sessel. Oma fühlt sich sicher sehr einsam. Ich muss es tun, ich bin es ihr schuldig, sie war früher immer für mich da und ich habe einen riesengroßen Fehler begangen. Ich werde zu ihr gehen und mich entschuldigen. Ich gehe in den Flur, schnüre meine Winterstiefel, schlüpfe in meine blaue Lieblingsjacke, binde mir meinen Schal um und gehe zur Tür. Aber – Was soll ich ihr denn nur sagen? Ob ich doch nicht … nein, das muss jetzt sein! Dreimal atme ich tief durch, dann öffne ich die Wohnungstür mit einem Ruck, laufe hinunter auf die Straße.

Hier wohnt sie. Langsam steige ich die Treppen hinauf. Es ist ein altes Haus. Im zweiten Stock ist ihre Wohnung, so wie meine. Ohne Aufzug. Ob sie die Treppen noch schafft? Dann stehe ich vor der Tür. Soll ich wirklich? Ja, heute ist Weihnachten! Ich drücke auf den Klingelknopf und lausche. Ich höre mein Herz laut schlagen. Es bleibt ruhig in der Wohnung. Ob sie das Klingeln nicht hört? Vielleicht ist sie schwerhörig. Ich warte noch ein bisschen, aber als sich noch immer nichts tut, drücke ich erneut auf den Klingelknopf. Nun rumpelt es leicht und ich höre leise schlurfende Schritte. Langsam öffnet sich die Tür und sie steht vor mir. Nun sehe ich sie aus der Nähe. Alt ist sie geworden, viele Falten sind hinzugekommen und die Haare sind schneeweiß. Sie ist auch kleiner geworden. Fragend sieht sie mich an, doch plötzlich reißt sie erstaunt ihre Augen auf und fängt an zu schluchzen: „Klara!“ Winzige Tränen kullern über ihre runzligen Wangen. Weinend umarme ich sie und flüstere: „Es tut mir so leid, es war ja nicht deine Schuld. Ich war so dumm. Bitte verzeih mir!“

Als sie sich etwas beruhigt hat, sagt sie mit brüchiger Stimme: „Ich habe dich so vermisst!“ Dann umarmt sie mich und wischt mir meine Tränen aus den Augen. Sie nimmt meine Hand und führt mich mit kleinen unsicheren Schritten in ihr Wohnzimmer. Sie bedeutet mir, auf dem Sofa Platz zu nehmen, während sie sich in den alten grünen Ohrensessel sinken lässt. Nun sehe ich, was sie die ganze Zeit angestarrt hat. Gegenüber von ihr steht kein Fernseher, nein, es ist ein Bild. Sie hat all die Abende das Foto mit dem Sockenweihnachtsbaum betrachtet.

„Willst du denn keine Plätzchen?“, reißt sie mich aus meinen Betrachtungen und deutet mit zittriger Hand auf die Schale auf dem Wohnzimmertisch. Vanillekipferl!

„Aber, Oma, du magst doch gar keine Vanillekipferl …“

Liebevoll lächelt sie mich an: „Ich hatte gehofft, dass du irgendwann kommst.“

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeglicher Art nur mit Zustimmung des Verlags.


Diese Geschichte findet sich in dem Buch
Weihnachten Weihnachtsgeschichten und Weihnachtsgedichte
Weihnachten
Weihnachtsgeschichten und Weihnachtsgedichte

ISBN 978-3-939937-09-8 (Buch)
ISBN 978-3-939937-72-2 (eBook epub-Format)

»»» Buch bestellen / eBook downloaden

***

Dieser Beitrag wurde unter Weihnachten, Weihnachtsbücher, Weihnachtsgeschichten abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s