Weihnachtsgeschichte Antons Tüte

Weihnachten – Advent – Weihnachtsgeschichte – Adventsgeschichte – Patricia Koelle: Antons Tüte

Antons Tüte
© Patricia Koelle

Schweigend stand der Weihnachtsbaum in der Ecke vom Salon, so groß, als reiche er bis in den Himmel. Anne, das Nesthäkchen, konnte die Spitze kaum erkennen. Ungefähr in der Mitte hing ein Engel aus bemaltem Holz. „Das ist mein Glücksengel“, sagte der Vater immer und lächelte dabei die Mutter an. Der Glücksengel trug in der einen Hand eine Trompete, in der anderen eine Papierfahne, auf der die Jahreszahl stand. „Dann sieht man auf dem Weihnachtsfoto immer gleich, von wann es ist“, sagte Vater. In diesem Jahr konnte Wolfi die Zahl zum ersten Mal selbst entziffern. 1930 stand da.
An den Ästen zwischen den Honigkerzen baumelten kleine Tüten. Sie waren spitz, aus Silberfolie gedreht und oben mit buntem Papier verschlossen. In ihnen verbargen sich Bonbons, Kaffeebohnen aus Zucker und die kleinen runden Kekse, die entstanden, wenn man beim Backen Ringe aus dem Teig stach und die Mitte übrig blieb. Wolfi fand, dass diese Mitte noch viel besser schmeckte als die Ringe. Vielleicht weil sie in den Tüten am Baum hingen und dadurch etwas Weihnachtszauber abbekamen. Nach Heiligabend durfte sich manchmal eine Tüte herunternehmen, wer beim Gesellschaftsspiel gewonnen oder Elsa, dem Hausmädchen geholfen hatte. Elsa brauchte viel Hilfe, denn sie war eigentlich selbst noch ein Kind und war in die Stadt gekommen, weil sie hier ein Zimmer und zu essen bekam. Elsa hatte zuhause so viele Geschwister, dass es dort nicht genug Platz und Essen für alle gab. Wolfi war deswegen besonders nett zu Elsa. Oft schnäuzte sie sich dann gerührt in den Unterrock. „Der Herrgott hat’s aber arg gut mit mir g’meint, dass der mich herbracht hat zu Euch“, meinte sie.
Elsa war an diesem Weihnachtstag natürlich auch mit in die Kirche gekommen. Zur Freude Wolfis und seiner Geschwister hatte es schon vor einer Woche geschneit, und gestern wieder, wie es sich für Heiligabend gehörte. Mächtig kalt war es auch. Der Wind pfiff den Mädchen durch die wollenen Röcke, Unterröcke und die Strümpfe, die oben mit Knöpfen an den Leibchen befestigt waren, damit sie nicht rutschten. Selbst in der Kirche war es so kalt, dass auch die Jungen froren.
Die Kinder freuten sich auf zu Hause, wo sie mit der Eisenbahn spielen konnten und dem Puppenhaus. Anton, Wilhelm und Wolfi hatten eine größere Lokomotive bekommen und Gisela und Anne Wiegen für die Puppen. Anfang des Jahres würde das Christkind alles wieder mitnehmen und erst zum nächsten Weihnachtsfest würden die Kinder die Sachen zurückerhalten. Daher war jede Stunde kostbar, die man damit spielen konnte.
Aber der Vater war der Meinung, zur Körperertüchtigung sei noch ein Spaziergang fällig. „Wir gehen den Umweg über das Schloss“, verkündete er. Niemand traute sich zu widersprechen. Das Schloss mit seinen Türmchen thronte schneeweiß auf dem Berg und sah wunderschön aus, wenn der Himmel blau war und die Wiesen grün. Anne träumte dann von Prinzessinnen und Wolfi von edlen Rössern. Doch bei diesem Wetter und mit nassen Stiefeln war Träumen nicht einfach, außerdem knurrten ihnen die Mägen. Mit schleppenden Schritten schlichen sie hinter dem Vater her. „Na los“, trieb der sie an. „Wer zuerst zu Hause ist, bekommt eine Tüte vom Weihnachtsbaum!“
Schließlich stimmte Mutter „Ihr Kinderlein kommet“ an, und alle sangen mit, obwohl sie in Gedanken schon bei Braten und Knödeln am Tisch saßen. Mitten im Lied brach Anne ab und fragte: „Wo ist Anton?“



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Weihnachten
Weihnachten
Weihnachtsgeschichten und Weihnachtsgedichte

Hrsg. Ronald Henss
Illustrationen Hilde Bergmann
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-09-8 (Buch)
ISBN 978-3-939937-72-2 (eBook epub-Format)

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Hier gibt es die vermutlich umfangreichste Sammlung deutschsprachiger Weihnachtsgeschichten im Internet

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