Weihnachtsgeschichte Schneestern

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Schneestern
© Christina Frosio

Die Glocke der katholischen Kirche schlägt leise und weit entfernt fünfmal. Es schneit ungewöhnlich große, feste Flocken. Sie fallen so dicht, dass die klaren Formen sich aufgelöst haben und alles sanfter geworden ist.
Der Schnee liegt fast einen Meter hoch am Straßenrand. Der Busverkehr wurde eingestellt und nur wenige Autos kämpfen sich mühsam durch die weißen Massen.
Es dämmert und die Lichter sind schon eingeschaltet. Versteckt hinter dem Schneegestöber glitzern von überall her festlich geschmückte Weihnachtsbäume. Ein großer Engel steht lächelnd im Schaufenster. In seiner Hand hält er einen Schneestern.
Elly ist auf dem Weg zum Bahnhof. Langsam geht sie durch die verschneite Stadt. Sie hat ihren Kopf in den Nacken gelegt und die Flocken fallen ihr ins Gesicht, bleiben in ihrem Haar und an den Wimpern hängen. Was für zarte, leichte Berührungen! Sie fröstelt, aber es ist ihr nicht unangenehm. Plötzlich streckt sie die Arme aus und macht ein paar vorsichtige Tanzschritte. Der Schnee knirscht so schön unter ihren Stiefeln. Es geht ihr besser. Ganz gewiss. Vielleicht wird doch alles gut.
Der Zug hat die Stadt verlassen und fährt langsam durch die dämmrige Landschaft. Das Licht im Abteil ist grell, die Luft stickig. Alle Plätze sind besetzt und auf der Gepäckablage und am Boden stapeln sich Koffer und Plastiktüten voller Geschenke. Dazwischen liegen feuchte Mäntel, Schals und Mützen. Mitten im Abteil steht ein Blumentopf. Er ist nur notdürftig mit einer Zeitung umwickelt. Es ist ein Weihnachtsstern.
Die Leute sind angespannt. Der Zug hat schon jetzt Verspätung. Elly sitzt eingequetscht zwischen zwei älteren Frauen. Sie hat den Kopf zurückgelegt und die Augen halb geschlossen. Es geht ihr wieder schlechter. Gestern hat sie den ganzen Tag damit verbracht, auf das Gespräch mit dem Arzt zu warten. Was sie hinterher getan hat, weiß sie nur noch bruchstückhaft. Sie wollte Geschenke kaufen, doch als sie Stunden später nach Hause kam, hatte sie keine bei sich.
Der Zug holpert, stockt und steht still. Es knackst im Lautsprecher. Dann folgt eine schwer verständliche Durchsage. Wiederholte Stromausfälle. Schnee und Eis.
Elly hört nicht hin.
Am schlimmsten ist es morgens, kurz nach dem Erwachen. Die Schlaftabletten! Sie hat die aufgerissene Packung neben dem Bett vergessen.
Sie spürt schmerzhaft ihre Blase. Sie kann nicht länger sitzen bleiben. Abrupt steht sie auf und stolpert vorwärts. Fast hätte sie den Weihnachtsstern umgestoßen. In ihren Ohren sirrt ein hoher Ton. Unbeholfen öffnet sie die Schiebetür. Im Durchgang ist die Luft nicht besser.
Die Kabine ist frei. Ein dünner Strahl rinnt aus ihr heraus, warm, endlos, als wolle er nie mehr versiegen.
Es ist in ihrem ganzen Körper, überall. Der Arzt sprach von vier, vielleicht fünf Monaten. Sie hatte absolute Ehrlichkeit gewollt. Aber es war zu viel.
Sie legt den Kopf in die Hände und schließt die Augen. Es ist ein enger, schmutziger Raum und trotzdem wäre sie am liebsten in dieser zusammengekrümmten Stellung sitzen geblieben.
Als sie den Gang entlangwankt, sieht sie den Schaffner kommen. Zum Glück hat sie ihren Geldbeutel und die Fahrkarte bei sich in der Jackentasche. Sie will nicht zurück ins Abteil gehen.
Rastlos drängt sie sich weiter durch die Gänge. Überall stehen Leute. Der Zug fährt wieder, nicht langsam, sondern mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Und trotz des Ratterns der Räder spürt Elly keine Bewegung, zweifelt daran, überhaupt voranzukommen.
Der Arzt hat gesagt, sie solle einfach so weiterleben wie bisher. Als wäre dies eine Möglichkeit. Und doch ist sie unterwegs zu ihren Eltern – über Weihnachten, wie jedes Jahr.



… wie diese Weihnachtsgeschichte weitergeht, erfährst du in der nächsten Folge …

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Der Text ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeglicher Art nur mit Zustimmung des Verlags. Die Geschichte wurde veröffentlicht in dem Buch / eBook
Weihnachten
Weihnachtsgeschichten Band 3

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-07-4 (Buch)
ISBN 978-3-939937-71-5 (eBook epub-Format)

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