Weihnachtsgeschichte Als Johanna am Christkind zweifelte

Zur Einstimmung auf Weihnachten eine kleine Weihnachtsgeschichte von Patricia Koelle.

Als Johanna am Christkind zweifelte
© Patricia Koelle

Immer wenn sie sich an den Sommer kaum noch erinnern konnte, weil in der ersten Schulstunde noch der Morgenstern am Himmel leuchtete und es fast schon wieder dunkel war, wenn sie nach Hause kam, wartete Johanna sehnsüchtig auf den Strohkugeltag.
Das war der Tag, an dem Onkel Richard kam und sofort mit Johanna ins Kinderzimmer geschickt wurde. Die Eltern und Tante Lina machten dann bedeutungsvoll die Tür hinter ihnen zu, und Vater drohte noch mal mit dem Zeigefinger: „Dass ihr mir ja nicht herauskommt, bevor wir es euch sagen! Ihr wisst ja, was dann passiert!“
Ja, das wusste Johanna. Es war der Tag vor dem ersten Advent, der Tag, an dem das Christkind zum ersten Mal kam. Zum zweiten Mal würde es erst an Weihnachten kommen, aber bis dahin war noch viel Zeit. Heute schmückte das Christkind die Zimmer. Es hängte die bunten und die weißen Lichterketten unter die Decke und befestigte große glänzende Sterne an der Wand. Auch Johannas Adventskalender mit den kleinen bunten Päckchen an Messingringen kam an seinen Platz neben der Tür, und es steckte die Kerzen und Tannenzapfen auf einen dicken Adventskranz, der nach Wald roch. Aber dabei durften nur die Erwachsenen zusehen. Wenn das Christkind von einem Kind gesehen wurde, hatte Vater gemahnt, dann würde es nie wiederkommen. Und das durfte natürlich nicht passieren.
Deshalb blieb Johanna im Kinderzimmer und bastelte Strohkugeln mit Onkel Richard. Der konnte wundervolle Kugeln aus den Strohhalmen zaubern. Er schnitt die Halme mit einer gefährlich scharfen Rasierklinge in ganz schmale Streifen, klebte die Streifen zu Ringen zusammen, und schließlich fügte er die Ringe so zusammen, dass zarte Kugeln entstanden. Jede hatte ein anderes Muster. Wenn diese Kugeln dann später am Weihnachtsbaum hingen, drehten sie sich jedes Mal an ihrem Faden, wenn jemand vorbeiging, weil sie so leicht waren. Sie sahen aus wie kleine Weltkugeln, und im Kerzenlicht warfen sie große Schatten an die Wand.
Johannas Finger waren längst nicht so geschickt wie die von Onkel Richard. Ihre Ringe wurden krumm und die Kugeln schief oder eiförmig, und die Klebe landete auf ihrem Ärmel und auf der Tischplatte und dem Teller mit den Plätzchen, nur nicht da, wo sie hingehörte. Aber Onkel Richard hatte viel Geduld, wahrscheinlich weil er ohnehin nicht aus dem Zimmer sollte. Er war zwar erwachsen, aber er musste ja auf Johanna aufpassen. Also zeigte er ihr kleine Tricks, und jedes Jahr wurden Johannas Strohkugeln ein wenig schöner.
Es dauerte sehr lange, solche Kugeln zu machen, denn man musste die Ringe immer wieder festhalten, bis die Klebe trocken war. Trotzdem hatte Onkel Richard mindestens drei Stück fertig, und Johanna eine, bis das Christkind endlich fertig und wieder fort war. Dann durften Johanna und Onkel Richard in das große Wohnzimmer, wo es auf einmal aussah wie im Märchen.
Dieses Jahr schien es noch länger zu dauern als sonst. Die Plätzchen waren schon alle und Onkel Richard hatte bereits fünf Kugeln fertig. Plötzlich ließ Johanna vor Schreck den Ring fallen, den sie gerade erst zusammengeklebt hatte. Ganz deutlich hatte sie gehört, wie auf der anderen Seite der Tür jemand die Leiter gerückt hatte! Sie kannte das Geräusch, denn Mutter brauchte diese Leiter ja immer zum Fensterputzen und Gardinenaufhängen. Die Gummifüße schrammten auf dem Parkett entlang und die Aluminiumsprossen klapperten. Dieses Geräusch konnte man nicht verwechseln.
Da konnte etwas nicht stimmen.

Die vollständige Geschichte findet sich in dem Buch / eBook
Patricia Koelle
Der Weihnachtswind
Patricia Koelle: Der Weihnachtswind

Weihnachtsgeschichten – Weihnachtskurzgeschichten – Adventsgeschichten – Adventskurzgeschichten für Kinder und Erwachsene

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